Büro & Karriere
Warum das stille Schreiben im Büro zum Auslaufmodell wird
Es ist kurz nach neun Uhr morgens in einem Großraumbüro in Hamburg, und Claudia Berger tut etwas, das vor wenigen Jahren noch befremdlich gewirkt hätte: Sie spricht mit ihrem Computer. Ruhig, konzentriert, fast wie nebenbei, formuliert sie einen Quartalsbericht, während ihre Finger auf der Tastatur ruhen. Was wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film klingt, ist längst Alltag in vielen deutschen Unternehmen.
Die Entwicklung hat in den vergangenen Monaten eine neue Dynamik erreicht. Laut einer aktuellen Erhebung des Instituts für Arbeitsforschung nutzt mittlerweile fast jeder dritte Büroangestellte regelmäßig Spracheingabe, um Texte zu verfassen. Vor zwei Jahren waren es weniger als acht Prozent. Die Gründe sind so vielfältig wie die Branchen, in denen die Technik eingesetzt wird.
Geschwindigkeit schlägt Gewohnheit
Wer sprechen statt tippen kann, ist deutlich schneller. Studien gehen von einem Tempogewinn von bis zu 300 Prozent aus. Besonders in Berufen, in denen viel Text produziert wird – Journalismus, Medizin, Recht, Beratung – entscheidet sich inzwischen ein messbarer Wettbewerbsvorteil an der Frage, wie effizient Gedanken in Worte überführt werden.
„Ich schreibe nicht mehr, ich denke einfach laut. Und am Ende des Tages habe ich die Arbeit von zwei Kollegen erledigt."
Doch der Wandel hat auch eine leisere Dimension. Wer mit Kopfhörer und Mikrofon arbeitet, verändert die Akustik des Büros – und die Etikette. Manche Unternehmen richten eigene Sprechkabinen ein, andere setzen auf flüsterleise Diktiermodi. Die Frage, wie laut ein modernes Büro sein darf, wird plötzlich wieder aktuell.
Ein neues Verhältnis zur Sprache
Interessant ist, was die Umstellung mit den Texten selbst macht. Wer spricht, formuliert anders als wer tippt: natürlicher, direkter, manchmal auch sprunghafter. Lektorinnen und Lektoren berichten von einer lebendigeren, aber auch nachlässigeren Sprache. Der Stil der Büroarbeit verschiebt sich – vom geschliffenen Aktendeutsch hin zu einem Ton, der der gesprochenen Rede näher ist als je zuvor.
Ob das ein Verlust oder ein Gewinn ist, darüber streiten Sprachforscher noch. Unbestritten ist jedoch: Die Zeit, in der sich Büroarbeit ausschließlich über Tastatur und Bildschirm definierte, neigt sich dem Ende zu. Es ist ein stiller Wandel, ausgerechnet angeführt von denen, die nun anfangen, laut zu sprechen.
Für Claudia Berger in Hamburg ist die Sache längst entschieden. „Zurück zum Tippen?", sagt sie und lacht. „Das wäre, als würde ich wieder anfangen, Briefe mit der Hand zu schreiben."